Ein Tourniquet kann im Notfall Leben retten – richtig angewendet stoppt es lebensbedrohliche Blutungen. Doch so hilfreich das Hilfsmittel ist, so riskant wird es, wenn es falsch eingesetzt wird.
Vor dem Krieg in der Ukraine und massiv im ersten Kriegsjahr wurden unzählige Videos gepostet, in denen entweder geschult oder gezeigt wurde, dass bei einer blutenden Wunde an den Extremitäten sofort ein Tourniquet anzulegen ist. Es wurden aber nie die Indikatoren vernünftig erklärt, wann die Anlage eines Tourniquets Sinn macht, noch wurde je geschult wie ein Tourniquet zu einem Druckverband zu Konvertieren ist. Da ist besonders dann wichtig, wenn professionelle Hilfe erst in Stunden zur Verfügung steht.
In einem veröffentlichten Artikel der National Library of Medicine ist zu lesen, das vor allem der Krieg in der Ukraine gezeigt hat, das der übermäßige oder unsachgemäße Einsatz von Tourniquets zu schwerwiegenden Folgen wie dem Verlust von Gliedmaßen, physiologischen Komplikationen und sogar zum Tod führen kann, da die Evakuierung von Verwundeten in der Ukraine oft länger als 6 Stunden benötigt.
Dieses Erkenntnisse sind besonders für uns Outdoor-Enthusiasten wichtig, da wir uns bei unseren Touren auch in Gebieten wiederfinden können, wo eine schnelle Hilfe von Rettungskräften nicht sichergestellt ist.
Eine Schulung in der Anwendung von Tourniquets ohne Erläuterung möglicher Gliedmaßenverluste und anderer Komplikationen, die durch Tourniquets entstehen können, die länger als 2 Stunden angelegt bleiben, macht deren Verwendung riskant.
Immer wieder zeigen Praxisbeispiele, dass schon kleine Anwendungsfehler gravierende Folgen haben können: vom ineffektiven Blutstillen bis hin zu unnötigen Gewebeschäden. In diesem Beitrag werfen wir einen Blick auf die häufigsten Fehler im Umgang mit Tourniquets und erklären, wie man sie vermeiden kann.
Inhaltsverzeichnis
FEHLER 1: KEIN TOURNIQUET DABEI
Der erste Fehler überhaupt ist sicherlich, dass bei manchen Unternehmungen erst gar kein Tourniquet mit sich geführt wird. Im “Ernstfall” sollten wir darauf verzichten wollen, ein Tourniquet improvisieren zu müssen. Das gilt besonders dann, wenn wir alleine unterwegs sind. Ein Tourniquet zu improvisieren braucht Zeit, die ich evtl. nicht habe und ist an Wirksamkeit nicht mit einem professionellen Tourniquet zu vergleichen. Darüber hinaus gibt es wie beim Messer auch hier das Sprichwort “Eins ist keins und zwei sind eins”. Führt je nach individueller Risikobewertung eures Vorhabens zwei Tourniquets mit euch, denn unter Umständen kann es sein, dass ein Tourniquet nicht ausreichend sein wird, um eine arterielle Blutung sicher unter Kontrolle zu bekommen.
FEHLER 2: DAS TOURNIQUET WIRD ERST DANN ANGELEGT, WENN EIN DRUCKVERBAND UNWIRKSAM WAR
Es kann unter Umständen vorkommen, dass ein Tourniquet an einer verletzten Person erst dann angelegt wird, wenn ein vorheriger Versuch die Blutung mittels eines Druckverbands zu stillen erfolglos war. Das Problem an der Sache: Während dieser Zeit verliert der Verletzte jedoch Blut. Oberstes Ziel muss sein, dass so viel Blut wie möglich im Körper der verletzten Person verbleibt! Habt ihr also eine arterielle Blutung festgestellt, so wäre i.d.R. das Tourniquet die erste Wahl! Es muss daher unbedingt erlernt werden, eine Verletzung beurteilen zu können, ob eine massive Blutung vorliegt, die das Anlegen eines Tourniquets rechtfertigt, oder ob andere Methoden der Blutstillung wirksam wären.
FEHLER 3: DAS TOURNIQUET WIRD ÜBER BEFÜLLTE BEINTASCHEN ANGELEGT
Besonders beim Anlegen eins Tourniquets am Bein oder auch am Arm, muss zuvor sichergestellt sein, dass sich in den Arm- oder Beintaschen keine Gegenstände befinden, die verhindern, dass das Tourniquet beim Anziehen nicht genügend partiellen Druck auf die Arterie ausüben kann. Dem Stress in einer solchen Situation geschuldet, wird dieser Vorgang gerne mal übersehen. Besonders Wanderer, Bushcrafter, Jäger oder andere Outdoorfreunde habe in ihren Taschen oftmals Kartenmaterial, Verbandpäckchen oder andere Gegenstände verstaut. Werden diese zuvor nicht entfernt, kann durch das Tourniquet keine wirksame Kompression aufgebaut werden, welche ausreicht, die Arterie so zu komprimieren, dass die Blutung gestillt wird.
FEHLER 4: FALSCH ANGELEGT
Ein weiterer und nicht seltenen Fehler ist, dass das Tourniquet nicht richtig angelegt wird d.h., es wird z.B. über das Knie angelegt, welches nicht komprimierbar ist. In den offiziellen Leitlinien der TREMA e.V. für Taktische Verwundeten-Versorgung ist hinterlegt, dass das Tourniquet 5-7 cm oberhalb der Blutquelle angelegt werden soll. Übertragen auf das Zivilleben kann als Richtlinie empfohlen werden, dass Tourniquet eine Handbreit oberhalb der Verletzung bzw. der Blutung anzulegen.
FEHLER 5: NUTZUNG EINES IMPROVISIERTEN TOURNIQUET
Sicher, wenn kein Tourniquet vorhanden ist, sollte natürlich versucht werden, mit verfügbaren Gegenständen, Ausrüstung oder Materialien aus der Umgebung, ein Tourniquet zu improvisieren. Die Wirksamkeit eines improvisierten Tourniquets ist jedoch nicht mit einem professionellen Tourniquet zu vergleichen. Zudem bedeutet Improvisation Zeitverlust, in der der Verletzte Blut verliert.
FEHLER 6: FEHLENDE WUNDVERSORGUNG
Wenn das Wichtigste, nämlich die Unterbindung des Blutverlustes erreicht ist, darf nicht vergessen werden, die Wunde im Nachgang zu versorgen bzw. zu verbinden, so dass nicht unnötig Schmutz oder Keime in die Wunde gelangen. Verschmutzungen können im späteren Verlauf ggf. zu Komplikationen führen. Versorgt also die Wunde mit sterilem Verbandmaterial und stellt die Immobilisation (Ruhigstellung) der betroffenen Extremität sicher.
FEHLER 7: UNTERLASSENES “PRE-TIGHTNING
Wir erinnern uns: Wir wollen, dass so viel Blut wie möglich im Körper der verletzten Person bleibt. Sobald das Tourniquet angelegt, angezogen und gesichert wurde, muss regelmäßig kontrolliert werden, ob der Druck noch ausreicht, um die Blutung sicher zu stoppen, oder ob sich das Tourniquet wieder gelockert hat und ggf. wieder Blut aus der Wunde austritt. Ist das der Fall muss das Tourniquet “nachgezogen” werden.
FEHLER 8: KEINE SICHERUNG DES TOURNIQUETS
Es gibt Tourniquets mit verschiedenen Systemen des Anziehens und der Sicherung. Manche Tourniquets funktionieren wie eine Art Gummiband, welches straff über die Extremität gezogen wird, andere habe eine “Ratschen-Funktion” und wieder andere bauen die Kompression mittels eines Knebels auf, dass ein Band zuzieht. Ein Tourniquet, welches den Druck mittels Knebel aufbaut, wird i.d.R. der Knebel in einen Clip gelegt und dieser mittels einem Klettband “fixiert”. Wird dies vergessen, so kann sich der Knebel lösen und damit versagt auch die Kompression, mit dem Ergebnis, dass der Verletzte wieder Blut verliert. Zumal kann es auch vorkommen, dass die verletzte Person unbemerkt selbst das Tourniquet lockert, denn wer einmal zum Zwecke der Übung sich selbst eines angelegt und Kompression aufgebaut hat, der weiß, wie Schmerzhaft das sein kann.
FEHLER 9: KEIN WAAGERECHTES ANLEGEN DES TOURNIQUETS
Ein Tourniquet, welches nicht waagerecht über die Extremität angelegt wurde, kann zwar zu Anfang die gewünschte Kompression aufbauen, jedoch besteht durch das “schräge” Anlegen beim Transport des Verletzten die Gefahr, dass das Tourniquet verrutscht und sich damit wieder löst. Die Folge: Der Verletzte kann “unbemerkt” wieder anfangen zu bluten.
FEHLER 10: DAS TOURNIQUET IST NICHT RICHTIG VORBEREITET
Ein häufig zu beobachtender Fehler ist, dass das Tourniquet z.B. im Rucksack verstaut wird und damit kein schneller Zugriff für sich oder andere möglich ist. Ein Tourniquet sollte grundlegend so mitgeführt werden, dass man selbst oder ein “Erst-Helfer” einen schnellen Zugriff darauf hat.
FEHLER 11: DAS TOURNIQUET WIRD WIEDER GEÖFFNET
Wenn man nicht gerade auf weit von der Zivilisation entfernten Expedition ist, kann man sich folgendes einfach merken und berücksichtigen: Ist das Tourniquet erst einmal angelegt und Kompression aufgebaut, so wird dies nur noch von professionellen Rettungskräften gelöst. Die U.S. Streitkräfte haben ermittelt, dass ein Tourniquet i.d.R. ohne Risiko bis zu zwei Stunden angelegt bleiben kann. Ab diesem Zeitpunkt kann es zu temporären Schädigungen kommen. Daher ist es wichtig, die Zeit des Anlegens eines Tourniquets für die Rettungskräfte zu notieren. Nach Überschreitung der Zeit von zwei Stunden, darf das Tourniquet nur noch unter professioneller ärztlicher Aufsicht gelöst werden, um etwaige Komplikationen sofort behandeln zu können.
Fazit
Ein Tourniquet ist ein wertvoller medizinisches Ausrüstungsgegenstand in der Notfallversorgung – aber nur dann, wenn es richtig eingesetzt wird. Die typischen Fehler reichen vom schlichten „Nicht-dabei-haben“ über falsches oder zu spätes Anlegen bis hin zum Vergessen der Wundversorgung oder der Sicherung des Tourniquets. All diese Versäumnisse können im Ernstfall Einfluss auf den Gesundheitszustand der betroffene Person haben. Wer ein Tourniquet mitführt, sollte sich deshalb nicht nur auf seine Ausrüstung verlassen, sondern auch regelmäßig damit üben, um im Stressfall sicher und routiniert handeln zu können.
Selbst habe ich ein „Übungs-Tourniquet“ neben meinem Schreibtisch und kann so nach Belieben die Selbstanlage üben.
Vorbereitung, Training und Bewusstsein für die häufigsten Fehler sind der Schlüssel, damit das Tourniquet tatsächlich das tut, wofür es gedacht ist: Leben retten.
Vorbereitung, Training, medizinisches Wissen und Bewusstsein für die häufigsten Fehler sind der Schlüssel, damit das Tourniquet tatsächlich das tut, wofür es gedacht ist: Leben retten.
Tobias Wirtz
Ist geprüfter Survival- und Outdoortrainer, Jäger, Krisenvorsorger, Angler, RegioRanger i.A., Sanitäter, STOP THE BLEED® Instructor, STOP THE BLEED® Ambassador sowie Bushcrafter. Meine Passion liegt im Erhalt und Vermittlung von Wissen und alten Techniken, um autark sowie in und mit der Natur leben zu können.
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